01.07. – 07.07.2024
„In Wirklichkeit ist es doch sehr schön, wenn man eine Hauptstadt hat, auf die man ein bisschen schimpfen kann.“
von Walter Benjamin
Audio zur Reisewoche #26
Batam ist nicht besonders groß, trotzdem scheint alles weit auseinander zu liegen. Wir entscheiden uns nach dem Frühstück also per Grab zur Ticketstelle der Fährgesellschaft zu fahren. Das ist zwar nicht immer die günstigste Variante aber ziemlich einfach. Der Verkehr auf der Insel ist grundsätzlich zäh. Die Rollerfahrer beherrschen den Slalom um die stehenden Autos und Minibusse. Für Europäer die reine Verkehrshölle. Selbst wir haben die Regeln noch nicht völlig begriffen, aber es funktioniert. Die 16km legen wir in dem Gewusel innerhalb einer halben Stunde zurück.
PELNI ist die Abkürzung für Indonesische National Schifffahrt. Das staatliche Unternehmen spielt eine wichtige Rolle im indonesischen Transportwesen und verbindet die wichtigen großen Städte auf allen Inseln. Sowohl für Personen- als auch für Güterverkehr. Die eingesetzten Schiffe sind oft eine Mischung und können neben entsprechenden Containern zwischen 500 und 3000 Passagiere transportieren. Wir stehen jetzt vor einem der etwa etwa 50 Standorte und sind etwas verblüfft. Keine Ahnung was wir genau erwartet haben. Das Tickethäuschen ist etwa sechs mal acht Meter groß und liegt auf einem eingezäunten Gelände. Die wenigen Fenster sind mit Stahlrohrgittern verbarrikadiert. Unter einem Vordach stehen zwei drei Tische an denen einige Menschen sitzen. Wir betreten das heruntergekommene Gebäude durch eine ebenfalls gut gesicherte Tür und stehen in einem kleinen Raum. Zur linken befinden sich drei Schalter hinter Gittern und zur rechten ein Wartebereich.
Die 12 Sitzplätze sind besetzt und vor den Schaltern stehen einige Wartende. Wir versuchen uns zu orientieren und beginnen damit die ausschließlich auf indonesisch ausgestellten Informationen zu übersetzen. Nicht hilfreich. Da wir durch beobachten auch keine Abläufe erkennen, entscheiden wir uns für Anstellen. An den drei Schaltern sitzt immerhin eine Frau, die bemüht ist, die Wartenden abzuarbeiten. Boykottiert wird sie dabei immer wieder durch Menschen die von links an den Schalter treten und Dokumente reinreichen oder Fragen stellen. Nach einer Weile sind wir an der Reihe. Wir erklären wo, wir wann, hinwollen. Dann werden wir über die unterschiedlichen Klassen aufgeklärt. Im Wesentlichen unterscheiden diese sich in Economy und die Klassen 1 und 2 a und b. Für uns kommt „leider“ nur die erste Klasse in Frage, nur hier können wir gemeinsam in einem Raum schlafen, da es sich um ein Doppelzimmer handelt. Die Mehrbettzimmer der anderen Klassen sind getrennt nach Männern und Frauen. Wir nehmen den Preis in Kauf und erhalten einen Zettel den wir ausfüllen sollen. Außerdem erhalten wir eine Aufrufnummer; 27.
Wir setzen uns auf einen mittlerweile frei gewordenen Platz und füllen das Dokument aus. Außerdem kriegen wir mit, dass aktuell Nummer 22 bearbeitet wird. Also alles halb so schlimm. Wir werden aufgerufen und bezahlen die Tickets und erfahren noch, dass es an Bord vier Mahlzeiten geben soll. Außerdem lassen wir uns den Hafen markieren von dem aus es losgehen wird. Dann verlassen wir das Ticketoffice und schlendern Richtung Meer. Okay, daraus wird nichts. Wir stehen vor einigen Industriegrundstücken die uns und das kühle Nass trennen. Der Blick auf die Karte verrät außerdem, dass es hier keine zugänglichen Abschnitte gibt. Wir überlegen kurz, ob wir uns ein Taxi rufen als wir auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Bushaltestelle entdecken. Einen Versuch ist es Wert.



Zögerlich betreten wir ein kleines Gebäude mit Ticketshop. Auf einem Plakat können wir die unterschiedlichen Linien auf der Insel erkennen und finden eine die uns ins Zentrum von Batam City bringen würde. Da wollen wir mitfahren erklären wir dem Personal. Dann werden wir nach der Bezahlkarte gefragt. Nein, die haben wir nicht, geht auch Visa? Geht natürlich nicht. Wir könnten hier zwar die Bezahlkarte damit aufladen, Tickets können wir so nicht kaufen. Wir erklären noch einmal das wir gerne mitfahren würden und das wir Bargeld dabei hätten. Für eine kurze Zeit sieht es so aus, als würden wir doch wieder Taxi fahren müssen. Dann aber tut sich etwas, wir bekommen einen Betrag genannt; zwölftausend indonesische Rupiah. Wir übergeben umgerechnet 70 Cent und erhalten Tickets. Wir gehen davon aus, dass jemand mit seiner eigenen Bezahlkarte zwei Tickets gekauft hat und diese an uns weiter gegeben hat. Wir dürfen jedenfalls mitfahren. Der Bus scheint ziemlich modern zu sein die Sitzplätze sind etwas ungewöhnlich angeordnet. Neben dem Busfahrer steigen noch zwei Begleiterinnen ein. Während der Fahrt regeln sie den Ticketkauf und sorgen dafür, dass der Busfahrer Bescheid bekommt, wenn jemand ein- oder aussteigen möchte. So kann der Busfahrer sich auf den anspruchsvollen Verkehr konzentrieren. Wir werden winkenden Händen herzlich verabschiedet als wir im Zentrum aussteigen. 🫶
Jetzt haben wir die Qual der Wahl. Wenn Batam auch sonst nichts zu bieten hat, Einkaufszentren gibt es hier wie Sand am Meer. So landen wir in der „One Batam Mall“. In den oberen Etagen finden zwar noch Baumaßnahmen statt, die Mall ist aber bereits für Besucher geöffnet. Wir kehren als erstes bei Papa Ron’s ein. Eine mittelmäßige Pizza und einen Salat später suchen wir einen Friseur für Jana. Zeitweise kümmern sich gleich zwei Angestellte um das Kämmen ihrer Haare – Blondinen sind hier vermutlich nicht oft zu Besuch. Zufrieden mit dem Ergebnis besuchen wir als nächstes den Lebensmittelladen und decken uns mit Snacks und Obst ein. Nach dieser Anstrengung wird es Zeit sich über Kaffee und Kuchen Gedanken zu machen. 😋 Da war doch so ein interessant aussehender Laden im Erdgeschoss… Schwupps sitzen wir im The Baker Museum. Hat nichts mit Museum zu tun, bietet aber abgefahrene Kaffeespezialitäten und versaute Gebäckkreationen. Mindestens satt suchen wir noch eine Apotheke im Ort auf. Das Anti-Moskitospray ist leer und etwas gegen Halsschmerzen benötigen wir auch. Es dämmert bereits und wir haben keine weiteren Ideen für den Tag, also geht es ab ins Hotel, wo wir den Tag ausklingen lassen.



Der nächste Tag startet mit ungemütlichem Wetter. Wir haben uns noch ein wenig zur Insel informiert. Kreative Köpfe haben sich gedacht, dass die Nähe zu Singapur und Malaysias Großstadt Johor Bahru genutzt werden sollte, um die Wirtschaft zu stärken. Im folgenden wurde die Verwaltung der Insel vom Rest Indonesien abgekapselt und wichtige Umweltschutzgesetze außer Kraft gesetzt. Als nächstes wurden Deponien eröffnet, um den Müll der angrenzenden Nachbarn aufzunehmen und zu lagern. Außerdem wurden im Stadtbezirk Batams Hotels, Malls und Unterhaltungsmöglichkeiten geschaffen. Im Gegensatz zu Singapur und Malaysia ist in Indonesien außerdem die Prostitution nicht verboten. So hat sich die Insel zur Konsum-Müllhalde entwickelt. Insgesamt nichts für uns und somit kein Problem den letzten Tag im Hotel zu verbringen. Wir arbeiten an unseren Projekten, verlassen das Zimmer ausschließlich fürs Mittagessen im Hotelrestaurant und planen die morgige Weiterreise. Dabei fällt uns auf, dass wir das Hotel für eine Nacht zu lang gebucht haben. So haben wir zumindest mit dem Check-Out keinen Stress 😆 Wir gehen Abends mit einem aufgeregten Gefühl schlafen. 26 Stunden Fähre durch das Südchinesische Meer bis in die 950km entfernte Hafenstadt Jakarta. Hoffentlich klappt alles wie geplant.


Trotz der Aufregung haben wir ganz gut geschlafen und starten gut gelaunt mit einem ausgiebigen Frühstück im Hotel. Das ist wirklich jeden Tag gut gewesen. Dann aufs Zimmer, Rucksäcke packen. Die Fähre legt um 16 Uhr ab. Drei Stunden vorher sollen wir am Hafen sein meinte die Frau im Ticketshop – warum auch immer so viel früher.
Wir verlassen das Zimmer gegen 12 Uhr und checken am sichtlich überraschten Empfang aus. Unser Taxi kommt kurze Zeit später an und wir drängeln uns durch den Verkehr zum Hafen. Es bleibt festzuhalten, dass sich über die Uhrzeit kein Zusammenhang zur Dichte des Verkehrs herstellen lässt. Es ist einfach immer Rappeldicht. Am Hafen angekommen verabschiedet sich der Fahrer mit den Worten: „Passt gut auf euch und euer Gepäck auf, gebt nichts aus den Händen und vertraut niemandem“. 😳 Ähhh, ja gut, danke. Kaum aus dem Fahrzeug ausgestiegen sind bereits zwei hilfsbereite und >offiziell wirkende Menschen< bereit uns beim Gepäck zu helfen. Kurzer verunsicherter Blick zu unserem Fahrer, ein leichtes Kopfschütteln von diesem und wir schultern unser Gepäck dankend selber.
Wir betreten das Gelände und finden schnell eine Schlange die vor einem Schalter ansteht. Wir gesellen uns dazu, erkundigen uns kurz ob wir hier richtig sind und warten dann langsam garend in der Mittagssonne. Die zweireihige Schlange endet an einem kleinen Fenster, wieder mit Stahlgitter gesichert, in einem Pulk aus Menschen. Ein Sicherheitsmitarbeiter, der nach einiger Zeit verschwindet, versucht für Ordnung zu sorgen. Wir beobachten wie einige der >offiziell wirkenden Menschen<, man erkennt sie an der blauen Jacke mit dem Pelnilogo, immer wieder mit dem Ticket anderer Gäste zum Fenster laufen, sich dort vordrängeln und dann mit den Boardingkarten zurückkommen. Ein kleines Trinkgeld verkürzt die Wartezeit hier erheblich. Wir überlegen kurz ob wir diesen „Service“ auch in Anspruch nehmen, wissen aber um die Korruptionsprobleme des Landes und entscheiden uns dann brav in der Schlange zu bleiben. Genau wissen wir es nicht, aber nach eine guten dreiviertel Stunde tauschen wir unser Ticket gegen Boardingkarten. Etwa 2000 Reisende wollen heute mit der Fähre fahren, immerhin zwei Mitarbeiter sorgen recht unorganisiert für die Abarbeitung.



Mit den Karten in der Hand stehen wir jetzt relativ ratlos auf dem Platz. Es ist etwa halb Zwei und am Fenster konnte niemand erklären wie es weitergeht. Also suchen wir in der Menge nach einem der >Offiziellen<, der uns schon zwei drei mal angesprochen hat. Auf die Frage wann es wo weiter geht verkündet er freudig, er habe einen Freund, Ruben der sei auch aus Deutschland. Er winkt in eine Richtung, ruft laut über den ganzen Platz nach Ruben und schickt uns zu ihm. Relativ peinlich berührt laufen wir also über den Platz, zu dem einzigen Europäer den wir hier entdecken können und stellen uns vor. Wir setzen und unterhalten uns eine ganze Zeit. Es beginnt zu regnen, dann knallt die Sonne wieder, die Zeit scheint heute nicht vergehen zu wollen. Als auch um kurz vor vier immer noch keine Bewegung erkennbar ist, verabschieden wir uns von Ruben und wechseln zu einem schattigeren Plätzchen.
Gegen 17 Uhr kommt etwas Bewegung in die wartende Menge. Nach und nach betreten Reisende eine Halle in der sich die Gepäckkontrolle befindet. Die Halle ist weder klimatisiert, noch gibt es Ventilatoren die für Bewegung in der Luft sorgen. Auch wenn das Personal den Zugang zur Halle begrenzt, befinden sich bestimmt 200 Menschen in der Schlange vor der Gepäck und Ticketkontrolle. Während wir anstehen treffen wir ein Pärchen aus der Schweiz welches bereits zwei Jahre unterwegs ist. Im Gespräch erfahren wir, dass sie Economy gebucht haben und sie beieinander schlafen dürfen. Nach der Ticketkontrolle geht es in Busse die uns die 200m zum Schiff fahren. Auch auf Nachfrage dürfen wir das kleine Stück nicht laufen. Stattdessen steht Christian mit geschultertem Gepäck in der offenen Tür des Busses und hat Mühe sich festzuhalten, um nicht während der Fahrt rauszufallen. Dann stehen wir vor unserem schwimmenden Zuhause auf Zeit.


Die Containerfähre ist riesig. Über eine Treppe betreten wir das Schiff, werden kurz darauf hingewiesen, dass wir zwei Etagen hoch müssten und folgen dann dem Strom. Wir laufen vorbei an der Economy-Class. Ein Schlafsaal mit 200 Schlafplätzen in Doppelstockbetten. Wir sind bei dem Anblick ganz froh uns dagegen entschieden zu haben und verabschieden uns fröhlich vom schweizer Pärchen. In unserer Etage angekommen erhalten wir einen Schlüssel für unsere Kajüte. Auf dem Weg fallen uns all die Familien auf, die bereits jetzt überall im Schiff nach Schlafplätzen auf dem Boden suchen. Dafür werden von der Besatzung Isomatten ausgegeben die den Fahrgästen als Schlafplatz dienen. Wir haben bereits von Ruben erfahren, dass die Tickets der Economy Class weiter verkauft werden, auch wenn keine Plätze mehr in den Schlafsälen zur Verfügung stehen. Tickets Open-End. Wir beziehen unsere Kabine, zwei Betten, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank und sogar ein kleines Badezimmer. Wir erleichtern uns unserer Rucksäcke und wechseln an Deck, um den Ablegeprozess zu beobachten.



Es strömen immer noch Menschen auf das Schiff und erst gegen 18:30Uhr sind alle Leinen los und unser Kreuzfahrtschiff setzt sich in Bewegung. An Deck treffen wir auf eine Familie mit zwei Kleinkindern, ebenfalls aus der Schweiz. Die vier sind mit dem Fahrrad unterwegs, ziemlich beeindruckend. Wir unterhalten uns gut und vereinbaren uns gemeinsam zu Abend zu essen. Kurz frisch gemacht sitzen wir auch schon gemeinsam im Speisesaal der ersten und zweiten Klasse. Es gibt recht leckeres und gut gewürztes Essen, Reis mit Gemüsesuppe. Für die anderen außerdem Fisch und Huhn. Wir unterhalten uns über Gesundheitssysteme, Reisearten, Länder und Menschen. Erst als das Licht im Speisesaal ausgeschaltet wird, verabschieden wir uns vorläufig. Wir laufen noch einmal um das gesamte Schiff, checken den Supermarkt an Bord und verziehen uns dann recht schnell auf unser Zimmer. Besonders spannend oder unterhaltsam ist es auf dem Schiff nicht und die Menschen die überall in den Gängen liegen sorgen für ein merkwürdiges Gefühl. Im Zimmer bereiten wir alles für die Nacht vor und schlafen relativ bald ein. Der Tag in der Sonne hat uns ordentlich zu schaffen gemacht. Die See ist ruhig und das sanfte schaukeln ist kaum spürbar. ⛴️



Um vier Uhr in der Nacht werden wir unsanft aus dem Schlaf gerissen. Über Lautsprecher werden wir angeschrien in einer Sprache, die wir nicht verstehen. Der Versuch die Lautstärke zu reduzieren scheitert und nach ein paar Sekunden ist der Spuk vorbei. Eine halbe Stunde später startet das Gebet der Muslime. Über den Lautsprecher. Seeeeehr Laut. 🔊 Wir mögen den Sprechgesang normalerweise sehr gerne. In den Städten kriegen wir die Gebete auch nur noch am Rande mit. Jetzt, mitten in der Nacht, über einen Lautsprecher ins Schlafzimmer eingespielt, können wir nicht anders, als zu Fluchen 🤭
Ein paar Minuten später ist alles wieder ruhig und wir können die Nacht fortsetzen. Als wir uns gegen 08:30Uhr aus der Koje gepellt haben, stellen wir am Speisesaal fest, dass wir das Frühstück verschlafen haben. Wir greifen auf Äpfel und Kekse zurück, die wir uns mitgebracht haben. Von unseren Schweizer Freunden erfahren wir, dass es Reis, Gemüse, Huhn und Fisch gegeben hätte. Durchhalten bis 11:30, da beginnt das Mittagessen. Also halb so schlimm. Kurz am Deck stellen wir fest, dass der Blick aufs Meer ohne Sitzgelegenheiten auch nur halb so schön ist. Zurück ins Zimmer, einkuscheln, lesen, einschlafen. Mittagessen. So geht es den Rest des Tages weiter. Tatsächlich ist diese Fährfahrt den Rest der Zeit so unspektakulär, dass wir nicht weiter davon berichten. Achja, eine Sache nur noch um 17:30 Uhr gab es Abendessen, Reis mit Gemüse, Fisch und Huhn 🙃 Alles wie immer.
Die Fähre soll eigentlich um 22Uhr in Jakarta ankommen. Da wir mit zweieinhalb Stunden Verspätung gestartet sind, keine Infos kriegen wie wir in der Zeit liegen, und auch kein GPS Signal empfangen, entscheiden wir uns wieder schlafen zu gehen. Um 02:00Uhr werden wir geweckt. Wir pulen uns aus dem Bett, machen uns frisch, packen die Rucksäcke und stellen dann fest, dass wir noch nicht angekommen sind. Wir nähern uns im Schneckentempo dem Hafen. Als wir anlegen wollen natürlich alle gleichzeitig vom Schiff.


Unglaublich lange Schlangen, da alle zum selben Ausgang drängen. In der Empfangshalle am Hafen dann ein ähnliches Bild. Es gibt genau einen Gepäckscanner. Das nächste Nadelöhr. Um 03:45Uhr stehen wir dann endlich, leicht gereizt auf einer Straße vor dem Terminal. Wir dachten es wäre eine gute Idee die wartenden Taxis zu passieren und erst einmal Land zu gewinnen. Fehlanzeige. Natürlich erreichen wir keinen Grabfahrer, die einzigen Verfügbaren stehen direkt vor dem Terminal und kommen nicht aus dem Gedränge raus. Wir überlegen tatsächlich ganz kurz einen Teil der 15 Kilometer zum Hotel zu laufen. Aber mitten in der Nacht ist das sicherlich keine gute Idee. Die Erlösung kommt in Form eines aufmerksamen und geschäftigen Grabfahrers. Es befindet sich bereits ein Fahrgast im Taxi, trotzdem dreht er für uns noch einmal um und lädt uns ein. Er knüpft uns für die Strecke zum Hotel eine ordentliche Summe ab. In dieser Situation zweitrangig. Wir sind unendlich froh gegen fünf ins Bett zu fallen und die Nacht fortzusetzen.



Um nicht wieder das Frühstück zu verschlafen klingelt bereits um 09:00Uhr der Wecker. Wir haben auf dem Schiff ausreichend geschlafen und sind verhältnismäßig fit. Zeit den Aufenthalt zu planen. Die ursprüngliche Idee das Visa für Indonesien in Jakarta zu verlängern verwerfen wir. Wir recherchieren, dass die Bearbeitungszeit zwischen 4-7 Werktagen liegt. Da wir feststellen müssen, dass Jakarta leider nicht die schönste Stadt zum Erkunden ist, verlegen wir das Vorhaben auf Yogyakarta. Das bedeutet allerdings, dass wir unsere Weiterreise planen müssen. Also geht es heute als erstes zum Bahnhof. Mit dem gesteckten Tagesziel laufen wir zur Bahnstation Jatinegara. Auf dem Weg dahin kommen wir an flachen Bauten, Wellblechverschlägen und Straßenhändlern vorbei. Das Angebot reicht von Elektronikartikel, über Tiere aller Art zu Autoteilen. Moment Tiere aller Art? Kein Scherz. In kleinen Käfigen, Behältern oder Tüten wird hier alles verkauft. Fische, Katzen, Affen, Kaninchen, Echsen, Schlangen, Flughörnchen und so weiter. Weder in angemessenen Gehegen gehalten, noch besonders gepflegt oder gesund ausschauend und in der prallen Mittagssonne gelagert. Das ist wirklich nicht leicht mit anzusehen. Wir bleiben nicht stehen, machen keine Fotos. Zu groß die Sorge von einem der Händler angesprochen zu werden, um dann mit ihm diskutieren zu müssen und am Ende wegen Tierbefreiung noch im Gefängnis zu landen.
Wir erreichen nach einiger Zeit den Bahnhof. An einem Ticketautomaten finden wir eine Verbindung für Montag morgen. Wir geben unsere Daten ein und scheitern dann an der Bezahlung. Der Automat zeigt einen QR Code den wir mit einer speziellen App scannen müssten, um die Bezahlung vorzunehmen. Wir fragen bei einem Sicherheitsmann des Bahnhofs nach einem Ticketschalter. Er zeigt auf den Automaten und erklärt uns, dass es hier keinen anderen gebe. Aber es gibt einen Bahnhof weiter im Stadtzentrum, da könne man an einem Schalter Tickets kaufen. Ok, auch gut. Wir erkundigen uns nach einer Möglichkeit dahin zu kommen. Am besten per Taxi. Er holt sein Handy raus und guckt nach dem Preis; 37.000IDR. Wir bedanken uns und verlassen den Bahnhof. Der erste Taxifahrer den wir nach dem Preis fragen ruft 150.000IDR auf. Etwa neun Euro. Mit dem Wissen, was die Einheimischen zahlen geben wir uns damit nicht zu frieden und suchen ein Grab. 76.000IDR. Der doppelte Preis den der Sicherheitsmann gefunden hat. Für uns sind die etwa 4,40EUR in Ordnung, wir finden es aber beachtlich, dass die Plattform den Preis für Ausländer so gestaltet.
Der Taxifahrer bringt uns zum Bahnhof Pasar Senen mitten ins Zentrum von Jakarta. Die Straßen sind überfüllt, der Verkehr noch schlechter als in Batam. Wir lesen von 10 Millionen Einwohnern in der Stadt und 34 Millionen im Ballungszentrum. Kein Wunder, dass es hier so zugeht. Am Bahnhof ist die Lage etwas entspannter. Wir finden den Customer Service und ziehen eine Wartenummer. Umgehend sind wir an der Reihe. Ein sehr freundlicher Mitarbeiter berät uns ausgiebig zu unseren Möglichkeiten. Anschließend reserviert er für uns zwei Tickets in der zweiten Klasse für Montag morgen 6:45Uhr. Dann schreibt er uns eine Buchungsnummer und eine Transaktionsnummer auf. Mit den Informationen sollen wir innerhalb der nächsten Stunde zu einem Indomaret, dem indonesischen 7eleven, gehen und die Tickets bezahlen. Danach können wir die Tickets an einem Ticketschalter ausdrucken. Die Vorgehensweise klingt merkwürdig, funktioniert aber. Wir bezahlen unsere Tickets im Indomaret um die Ecke in Bar, kehren dann zum Customerservice zurück und geben unsere Buchungsnummer ein. Der Status ist bereits auf bezahlt und wir können unsere Tickets drucken. Easy. Somit ist das Pflichtprogramm erledigt und wir können weiter ziehen.
Der Plan ist in Richtung National Monument zu laufen und auf dem Weg ein Lokal zu finden. Es beginnt leider in dem Moment, als wir den Bahnhof verlassen zu regnen an. Wir kommen nicht besonders weit, bis wir Zuflucht an einem Pavillon suchen müssen. Nächstes Übel; Mücken. Gefühlt hunderte. Natürlich haben wir keinen Mückenschutz dabei und passend gekleidet sind wir auch nicht. Die Straßen sind laut und voll, die Stimmung droht zu kippen. Wir entscheiden uns weiterzugehen, aber selbst als wir an der Flona vorbeikommen, einem Blumenfestival in einem Park, kann das zumindest Christians Stimmung nicht aufbessern. Unser Krisenmanagement empfiehlt schleunigst ein Café aufzusuchen. So landen wir im Hauptbahnhof von Jakarta, der Station Gambier. Bei einem mittelmäßig guten Café und einem tollen Icetee besprechen wir was aktuell unsere Laune drückt und suchen nach einer Lösung. Und wir finden eine Lösung. Wir verschieben unseren Stadtbummel auf morgen und gehen Essen. Im Burgreen, einem veganen, nachhaltigen Restaurant, befriedigen wir unsere Gelüste nach Burgern, Kuchen und schmuddeligen Getränken 🤤🤤



Das Essen ist unglaublich gut. Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden und etwas Abenteuer wollen wir dann heute doch noch erleben. Wir entscheiden uns bewusst für ein TukTuk nach Hause. Wir wissen, dass es kaum möglich ist hier nicht abgezogen zu werden. Wir schaffen es aber einen günstigeren Preis auszuhandeln als wir aktuell für ein Grab zahlen müssten und sind damit sehr zufrieden. Der junge Fahrer kennt die Abmessungen und Wendekreise seines Fahrzeuges sehr gut und es kommt ein paar mal vor, dass Jana kurz aufschreit als er zum Überholen oder Vorbeifahren ansetzt. Ein riesen Spaß. Wir kommen sicher am Hotel an, erledigen noch ein paar Einkäufe und wechseln dann in den Entspannungsmodus.


Der Samstag startet mit schlechten Nachrichten: Gewitter. Wir beschließen kurzer Hand den Arbeitstag einen Tag vorzuziehen damit wir den Sonntag nutzen können, um die Flona zu besuchen. Was wir in der kurzen Zeit gesehen haben war nämlich richtig schön und wir wollen uns das noch einmal entspannt anschauen. So verbringen wir den Tag auf dem Zimmer. Gegen Nachmittag bestellen wir uns dekadent etwas zu Essen aufs Zimmer, um die Zeit bis zum Abendessen zu überbrücken. Die Bananenfritter kommen anders als bestellt mit Käse statt Schockosoße, wir sind erst skeptisch, müssen uns dann aber doch eingestehen dass es sehr gut schmeckt. So arbeiten wir noch bis in die Abendstunden weiter, um dann zu einem nahegelegenem Restaurant zu gehen. Wir landen im Abunawas, ein orientalisches Restaurant mehr oder weniger direkt um die Ecke. Wir genießen das Essen und einen Nachtisch mit dem Namen Künefe. Der erinnert uns an unsere Zeit in der Türkei. Satt und zufrieden geht es zurück ins Hotel.
Sonne am Sonntag. Das kommt wie gerufen. Die Regenwahrscheinlichkeit liegt bei gerade einmal 30%. Motiviert starten wir nach dem Frühstück mit einem Besuch in der Mall. Christian ist entschlossen einen Regenschirm zu kaufen. So einen kleinen für den Rucksack 😁 Wir durchforsten alle sechs Etagen der Millennium Mall. Nichts. Regenschirme sind tatsächlich gar nicht so populär. Zu Fuß gehen hier aber eigentlich auch nur die Touristen. Egal, wir verlassen die Mall und laufen in Richtung Lapangan Banteng Park. Am Freitag hat hier das Blumenfest Flona eröffnet und heute sind wir in der richtigen Stimmung uns ausgiebig umzusehen. Die Aussteller zeigen Pflanzen aller Art. Von Schmuckblatt über Kakteen hin zu ganzen Zelten voll mit Orchideen. Besonders faszinierend finden wir die kreativ gestalteten Bonsai. Die Klassiker von Ficus und Nadelbäumen bis zu Spezialitäten wie Bambus und Jasmin. Unser Pflanzenherz schlägt hier auf jeden Fall höher.



Nach einer kurzen Erfrischung geht es weiter zur Gereja Cathedral Jakarta. Die römisch katholische Kirche wurde 1901 errichtet und zählt zu den schönsten in ganz Indonesien. Uns gefällt die Holz vertäfelte Decke und die schlichte Gestaltung im inneren. Außerdem ist es in Kirchen meistens angenehm kühl 😅 Nächster Stop: das Monumen Nasional. Der 132m hohe Obelisk steht auf dem Merdeka Square und wirkt ziemlich beeindruckend. Der Platz rund herum ist riesig, so dass sich die Menschen gut verteilen. Lediglich am Eingang zum Museum im Obelisken sammelt sich eine Traube. Wir sparen uns das Gedränge und verzichten auf einen Besuch. Wir verlassen den Platz im Südwesten auf der Suche nach einem Café. Und wir werden fündig. Im Saudagar Kopi Sabang gibt es einen Café Irish Crème brûlée, einen Jasmintee und Roti mit Schokoreis. Für etwa vier Euro. Außerdem werden wir von einem Einheimischen angesprochen. Er spricht wirklich gutes Deutsch und weiß um das braune Problem in den neuen Bundesländern, wie er es nennt. Nach dem Studium hat er noch weitere 14 Jahre in der deutsch Luft- und Raumfahrttechnik gearbeitet. Er erzählt uns von einigen großen deutschen Unternehmern mit denen er während des Studiums in einem Wohnheim gelebt hat und wie er später in Indonesien als Vermittler für Politik und Wirtschaft tätig war.



Mittlerweile ist es spät genug, um über das Abendessen nachzudenken. Uns hat das Essen im Burgreen so gut gefallen, dass wir es kurzerhand erneut ansteuern. Der Fußweg führt uns durch eine schmale Straße, gerade breit genug damit ein Roller durchfahren kann. Links und rechts kleine Häuser, überall hängt Wäsche. Katzen dösen, hier und da spielen Kinder. Wir vermuten, dass ein Großteil der Menschen in Jakarta genau so wohnt. Im Rücken haben wir die großen Hochhäuser des Finanzviertels der Stadt. Arm und reich, wieder einmal direkt neben einander. Nach dem Abendessen bestellen wir uns ein Taxi ins Hotel.
Für morgen Früh ist soweit alles vorbereitet. Da wir bereits um 05:45 Uhr am Bahnhof sein müssen, bekommen wir vom Hotel ein Frühstückspaket, um einen Transport haben sie sich auch gekümmert. So können wir uns heute Abend auf den Reisebericht konzentrieren und in aller Ruhe unsere Klamotten packen. Wir sind froh morgen weiter zu ziehen. Die Megastadt Jakarta ist laut, dreckig und hat für uns nicht besonders viel zu bieten. Trotzdem sind wir froh hier gewesen zu sein. Es ist beeindruckend wie viele Menschen hier leben.
Stroll On,
Christian & Jana



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