Reisewoche #59

veröffentlicht von

am

17.02. – 23.02.2025

„Leben heißt nicht zu warten bis der Sturm vorüberzieht, sondern lernen im Regen zu tanzen.“

Unbekannt

Wir haben uns für eine Wanderung in der nächsten Stadt entschieden. In Jiaoxi sollen wir laut Google umsteigen und mit dem Tourismus Shuttle zum Parkplatz für den Trail gefahren werden. Wir entscheiden uns, einen anderen Weg zu nutzen. Wir fahren mit dem Bus nach Jiaoxi und steigen einige Stationen früher aus, um zum Wanderweg zu laufen. Gesagt getan. Nebenbei erwähnt, die Abfahrtzeiten in Google Maps stimmen fast nie mit dem Fahrplan an den Stationen überein und dann kommt der Bus eh 2-5 Minuten früher oder später. Kurzer Spoiler; Genau das, wird uns diese Woche noch zum Verhängnis. 😉

Diesmal hat alles geklappt. Jetzt wird gelaufen. Auf dem Weg zum ersten Ziel der Route treffen wir Chong, aka „Kevin“ (sein selbst ausgewählter, englischer Name.) Fragt uns nicht, warum die Männer immer „Kevin“ wählen 🤷‍♀️. Besser gesagt, er trifft uns. Mit seinem gelben Flitzer steht er neben uns und erzählt uns, dass er eine Zeit lang in Deutschland gelebt hat. Stuttgart und Bremen sagt er. Kevin möchte mit uns einen Kaffee trinken. Wir erklären ihm, dass wir wandern gehen und danach vermutlich erschöpft sind. Er gibt sich damit zufrieden und düst davon… Oder auch nicht. Nach einer Minute kommt er uns erneut entgegen. Kevin lädt uns zu sich nach Hause ein. Hausnummer 3. Unsere WhatsApp-Nummer rücken wir diesmal nicht raus, da er etwas aufdringlich wirk. Noch schnell ein Foto mit uns und er schwirrt erneut ab. Es dauert keine zwei Minuten und er kommt erneut angerauscht, setzt sein Moped fast in den Fahrbahnbegrünung und bringt uns Geschenke. Eine Sprite und zu unserer absoluten Freude, importiertes deutsches Malzbier (eiskalt). Wir bedanken uns und sagen, vielleicht kommen wir nachher vorbei. Kevin würde sich sehr sehr freuen. Aus irgendeinem Grund laufen wir zügig weiter. 😅

Der Wanderweg, den wir nach bereits gelaufenen vier km erreichen, ist eigentlich eine Straße und führt den Berg rauf zur Catholic Sanctuary of our Lady of Wufengqi. Eine Pavillon ähnliche katholische Kirche. Im Zickzack wandern wir weiter bergauf. Auf dem Weg treffen wir auf Affen, laufen an Bambushainen vorbei und wir sehen aus der Ferne den Wungqi-Wasserfall. Bis wir dann nach einigen hundert Höhenmetern den eigentlichen Beginn des Wanderweges erreichen. Aus Asphalt werden Wurzeln, Steine und Sand. Das Grün um uns wird dichter und ein rauschender Bach begleitet uns die ersten Höhenmeter. Schritt für Schritt und immer wieder treffen wir freundliche Einheimische, die uns irgendetwas auf chinesisch erzählen und freundlich grinsen. Einer kommt uns hinterher gerannt und gibt uns zwei Energiequetschies. Da unser kleiner Rucksack prall gefüllt ist und wir das Malzbier schon kaum reinbekommen haben, schleppen wir die freundliche Geste in den Hosentaschen mit. Alle sind so fürsorglich hier. 😍 Als die riesigen Pfeilblattpflanzen, der Nestfarn und vereinzelten Blüten weniger werden, erreichen wir die höhere Ebene und um uns herum ergibt sich ein Wald aus Zwergbambus.

Der anstrengende Aufstieg wird belohnt mit einer Weitsicht über die grün-braunen Frühlingsberge. Wir blicken über Sanjiaolun Shan. Die Bergkette wird auch Matcha-Mountains genannt, da ihr Grün im Sommer an Matcha erinnert. Von der Aussichtsplattform haben wir einen Rundblick über das Bergmassiv. Glücklich und hungrig machen wir es uns auf der Berghütte, die gleichzeitig eine Andachtsstätte ist, gemütlich. Und dann ist es endlich soweit. Mit einem Zischen öffnen wir die Dose und genießen nach über einem Jahr ein kaltes Malzbier. Die Energie-Quetschies sind nicht so ganz unser Fall. Extrem süß. Es ist drei Uhr nachmittags und wir machen uns auf den Weg ins Tal. Wir gehen nicht mehr zur Nummer 3, was uns wirklich leid tut, doch irgendwie war seine, für Taiwaner eher aufdringliche Art, abschreckend.

Da wir nach achtzehn Kilometern noch nicht genug gelaufen sind, wandern wir diesmal durch die Innenstand zum Bahnhof. Essen und dann ab ins Bettchen. Wir sind total erledigt. Zum Glück fahren wir morgen ein bisschen Zug und können entspannen. Für Nepal müssen wir unbedingt noch trainieren. 🫣

Der Dienstag ist Reisetag. Doch mega entspannt. Wir haben die EasyCard und können einfach einsteigen. Wir hätten vorher vielleicht checken sollen, ob man in Taiwan fürs Schwarzfahren verknackt wird. 🤣 Mit den Backpacks beladen laufen wir gegen Mittag gemütlich im Nieselregen zum Bahnhof. Wir kennen die Bahnverbindung, die wir nutzen wollen. Am Schalter des Bahnhofs fragen wir noch nach, ob eine Sitzplatzreservierung für den Expresszug notwendig ist. Der Mann versteht uns trotz Zugnummer nicht und will uns einen Zug in drei Stunden anbieten, obwohl unser in zehn Minuten fährt. Nach einigem hin und her geben wir auf. Mit der EasyCard checken wir entspannt ein und steigen in den Zug. Zur Erklärung: Die EasyCard funktioniert in ganz Taiwan und ist eine Prepaidcard für den Nahverkehr auf der ganzen Insel. Einscannen, am Zielort auschecken und der berechnete Fahrpreises wird automatisch abgezogen. Wir erreichen den Zug und sind super glücklich, dass alles so entspannt geklappt hat. Alle Abteile zeigen an, dass es hier nur reservierte Sitzplätze gibt. Wir fragen eine Zugführerin, wo denn der Bereich für die nicht reservierten Plätze ist und sie erklärt uns freundlich, dass wir gerade schwarz fahren. Die EasyCard funktioniert bei den Expresszügen nicht. Zur Strafe dürfen wir neue Tickets kaufen und 500 TWD (14EUR) nachzahlen. Sie erklärt uns auch, dass wir am Bahnhof in Taitung direkt zu einem Mitarbeiter gehen sollen und auf keinen Fall mit der EasyCard rausgehen sollen. Sie meinte, dass wir die Fahrkarte und das Ticket zeigen sollen und die Mitarbeiter wüssten dann schon Bescheid. Wir sind gespannt.

Während der Fahrt schnacken wir noch mit unserem Freund Tobi, der uns in Nepal begleiten wird, ein paar Einzelheiten durch. Die Aussicht während der Fahrt ist so schön, dass wir fast traurig sind, als wir nach drei Stunden in Taitung ankommen. Mit ausgestrecktem Ticket und der EasyCard laufen wir einem älteren Bahnmitarbeiter entgegen. Siehe da, er nimmt beides und checkt uns in Zeitlupe aus. Keine weiteren Extrakosten für uns. Schwein gehabt. Wir kommen zu unserer Lieblingsbeschäftigung, wenn wir von A nach B wechseln. Es ist Käffchenzeit. Man munkelt, wir fahren mit Absicht so früh los, so dass wir vor der Check-In-Zeit am Ziel sind, nur um diese dann im Café abschimmeln zu können. 😋

Da wir noch nicht viel gelaufen sind und es gerade nicht regnet beschließen wir zum Homestay zu laufen. Bei Ankunft ist die Tür durch einen Code gesichert, der uns irgendwie noch nicht vorliegt. Ok, ist nicht das erste Mal, dass wir vor verschlossenen Tür hocken. Wir rufen an. Die Dame ist sehr freundlich. Ruft zweimal zurück und erklärt, dass wir erst im März gebucht haben. Waaaasss… neee… Upps! Verdammt. Ärgerlich, auch wenn so etwas durchaus passieren kann. Leider hat sie keine Möglichkeit uns für die nächsten drei Tage ein Zimmer zu geben. Wir suchen auf der Treppe sitzend eine andere Unterkunft in der Nähe und werden zum Glück fündig. Na die werden sich wundern, wenn wir jetzt buchen und fünf Minuten später vor der Tür stehen. Gesagt getan und wieder keine Code für die Eingangstür. Auch eine Art Rezeption gibt es nicht. Doch diesmal kommt nach wenigen Minuten eine junge Frau an die Tür. Es klappt alles und nicht nur das. Der Neubau ist noch in der Findungsphase und viiieeell zu günstig für das, was geboten wird. Für uns Glück im Unglück. Neben dem neuen Bett, des großen Zimmers, einer RICHTIGEN Dusche mit Kabine, gibt es alles was wir brauchen und noch mehr. Kostenlose Fahrräder, Wäsche waschen, Kaffee in allen möglichen Varianten, Fertignudeln, Wasser uuuunnddd Eis. Ja richtig gelesen, kostenlose Stracciatella, Schoko, Minze und irgendwas violettes. Die fehlerhaft gebuchte Unterkunft können wir kostenlos stornieren. In der Nähe finden wir ein kleines günstiges vegetarisches Restaurant mit verdammt leckerem Essen. Der Tag fing schwierig an und endet glücklich, vollgefuttert, im Bett liegend und Eis schlemmend. Perfekt.

Am Mittwoch passiert nicht viel. Wir waschen Wäsche und gehen lecker Essen. Dazu planen wir die Wanderung für morgen.

Es ist Donnerstag und die Sonne lacht. Um 9:42 Uhr stehen wir pünktlich am Bus. Der kommt zwar auch nicht ganz nach Plan, aber immerhin. Wir wollen den Dulan Mountain besteigen und über einen bewaldeten Grat zum Gipfel wandern. Auch hier laufen wir von der Busstation direkt am Meer eine asphaltierte Straße bis zu einer Aussichtsplattform. Auf dem Weg dahin laufen wir an ein paar Bauernhöfen und Plantagen vorbei. In jeder Einfahrt sind mindestens fünf Hunde angeleint. Christian sagt noch spaßig, dass die wegen der Bären hier sind. Später lesen wir, dass es tatsächlich den taiwanischen Schwarzbären in den Wäldern und Bergen Taiwans gibt. Auch wenn sich 200-300 Tiere viel anhört, ist er leider vom Aussterben bedroht. Die ersten 500Hm sind geschafft. Die Aussicht auf die Küstenlandschaft fasziniert trotz der diesigen Sicht. Von der Plattform aus, sehen wir den Eingang zum Dulashan Trail. Ganze dreihundert Höhenmeter trennen uns vom Grat. Der Berg ist in einer Wolke gefangen. Wir wissen daher, dass wir keine Aussicht haben werden. Was wir auch wissen, in den Bergen kann innerhalb von wenigen Minuten das Wetter komplett wechseln. Vielleicht verzieht die Wolke sich ja noch. Als es anfängt leicht zu nieseln überlegen wir, ob wir abbrechen. Wir entscheiden uns aber weiter zu machen. 💪🏼

Auch dieser Weg ist super ausgebaut. Am Eingang steht ein Wanderstockbehälter. Man darf sich einen aussuchen, ihn nutzen und wieder zurückstellen. Super Idee. Über Stufen, Steine, Wurzeln und Matsch geht es nach oben. Die Pflanzenvielfalt ist enorm und auch Affen sehen wir. Die Affen auf Taiwan haben noch einen natürlichen Bezug zu Menschen. Sie beobachten uns mit Abstand und Vorsicht. Dann schlägt das Wetter um. Leider nicht zum Guten. Tropfen so groß wie Haselnüsse prasseln auf uns nieder. Die Bäume bieten keinen Schutz und der Weg wird zum reißenden Bach. Wir debattieren einen Moment lang, ob wir umkehren. Da wir nun schon bis auf die Buchse durchnässt sind und vermuten*, über die Hälfte bereits geschafft zu haben, wandern wir weiter. Wir sind froh, dass wir uns für einen Wanderstock entschieden haben, denn dieser hilft enorm, auf dem Schlamm nicht auszurutschen.

*Falls ihr denkt „Hä, schaut doch auf eure Handy“. Wenn einfach alles nass ist, auch das Display, kann mann es (iPhone) nicht mehr bedienen. Ernsthaft! Und nervig!

Geschafft und stolz wie Oskar, dass wir es durchgezogen haben. Ok, ab und an vielen Worte wie „Scheiß Regen“ oder „Scheiß Natur“ und „Warum zum Teufel“, aber wir sind oben und haben uns nicht gegenseitig aufgefressen. 😋 Der Grat sieht zwar einladend aus, doch wir entscheiden uns dafür, wieder abzusteigen. Wir unterhalten uns auf dem Rückweg mit zwei Affen und sehen Bambushühner und einen imposanten schwarzen Fasan. Auf der Plattform angekommen wringen wir unsere Socken aus und schnacken mit Janus, der ebenfalls durchnässt ist. Janus kommt aus Deutschland und überlegt nach Taiwan auszuwandern. Er ist seit zwei Monaten hier. Da nur noch zwei Busse in unsere Richtung fahren, treten wir den Abstieg an. Obwohl wir pünktlich an der Haltestelle sind, ist kein Bus in Sicht. Auch fünfzehn Minuten später nicht. Vermutlich haben wir ihn verpasst. Der nächste fährt in etwa einer Stunde. Ein Café gibt es hier nicht. Wir sind alle nass und wollen lieber nicht rumstehen. Also beschließen wir noch ein paar Busstationen zu laufen. Wir warten auf die Linie 8101. Zwischendurch streckt Jana bereits den Daumen raus. Vielleicht nimmt uns ja jemand mit. Angekommen an der Busstation bleiben uns noch fünf Minuten. Wir schnacken und dann kommt endlich der Bus; und fährt direkt an uns vorbei. In Taiwan muss man den Bus mit winkenden Armen anhalten, sonst fahren sie immer vorbei. Das haben wir gemacht. Wir standen sogar auf der Straße. Das wars. Der nächste kommt erst in drei Stunden. Unsere geliebte App Grab funktioniert in Taiwan nicht. Mist. Hunger und Nass. Super Kombi. Jana steht an der Straße und hält wieder den Daumen raus. Dann hält tatsächlich jemand an, der sogar englisch spricht. Er muss seinen Sohn von der Schule in Taitung abholen und würde uns drei begossene Pudel mitnehmen. Das ist wie Weihnachten und Geburtstag zusammen. Danke, danke, danke. Aus drei Stunden Fußmarsch werden 15 Minuten angenehmer Smalltalk.

Unser Retter in der Not setzt uns am Busbahnhof ab, wo wir uns auch von Janus verabschieden. Wir laufen noch zu einer Buffetküche und fallen dann ins Bett. Wir ziehen zwar morgen weiter, doch packen werden wir heute nicht mehr. Außerdem müssen wir irgendwie noch unsere Schuhe trocknen. Die Outdoorkleidung ist schon auf dem Rückweg getrocknet, doch die Schuhe… keine Chance.

Es ist Freitag, acht Uhr morgens. Wir packen und machen uns auf dem Weg zum Bahnhof und nach Chiayi. Diesmal wissen wir ja wie es läuft. Beim Ticketkauf am Schalter wären wir beinahe zu einem falschen Ort geschickt worden. 😅 Ist uns zum Glück aufgefallen. Gegen Nachmittag sind wir auf der anderen Seite im Westen von Taiwan bei herrlichen 24Grad und Sonne. Da wir erst in einer Stunde einchecken können, ab ins Café. 😏 Die fünf Katzen des Lädchens sind von den vielen Gerüchen unserer Backpacks begeistert. Es wird gekuschelt, geschnuppert und gekratzt. Eine Erdbeertorte und zwei Lavendeltee später hauen wir uns für ein Nachmittagsnickerchen ist neue Bett. Jana hat sich etwas erkältet, deshalb werden wir morgen nicht in die Berge ziehen und nur ein bisschen an die frische Luft gehen.

Nach einem eher unbefriedigendem Frühstück wollen wir zum Lantansee, der etwas außerhalb der Stadt liegt. Wir stehen pünktlich an der Bushaltestelle, doch abermals kein Bus. Zwei Busse die anhalten fahren nicht in unsere Richtung. Als wir schon alternative Routen suchen, fährt ein Shuttle vor, Ziel Lantansee. Check. Der eher unspektakuläre See ist klar und am Ufer mit Bambusgras bewaldet. Wir laufen in gut zwei Stunden einmal rum. Am Ende des Tages sitzen wir in der Sonne in einem Stadtpark mit frischem Kaffee und Tee und genießen das Sein.

Heut ist Sonntag, unser Schreibtag. Doch wir pausieren nur halb. Erinnert ihr Euch noch an Anna und Jan? Wir haben sie in Laos kennengelernt und sind in Vientane mit ihnen rumgezogen. Zufällig sind sie auch in Taiwan. Abends treffen wir uns zum Essen und gehen danach noch was trinken. Vier Reisende, die ihre Erfahrungen austauschen können. Immer wieder eine schöne Abwechslung. 😊

Stroll on

Christian & Jana

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Eine Antwort zu „Reisewoche #59”.

  1. Avatar von Chaos-Queen
    Chaos-Queen

    …es ist schön zu lesen, dass ihr (so oft) auf hilfsbereite Menschen trefft… 😊

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